Deutschland? Ein Gerücht! | Futter für Gedanken

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Deutschland? Ein Gerücht!

von Jörg Seidel
zuerst erschienen in Seidwalk am 13.12.2018

Geschichte ist wie eine Bremsspur – wir werten Abdrücke aus. Und sie lebt von psychischen und geistigen Trägheitsmomenten. Schweife oder Nachbilder – um noch weitere Kopfkinobilder anzubieten – machen oft nach Jahren oder Jahrzehnten noch Eindruck, wenn das eigentliche Objekt des Staunens, das man zum Zeitpunkt seines rasanten Erscheinens vielleicht nicht mal wahrgenommen oder mittlerweile doch vergessen hatte, schon lange nicht mehr existiert.

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Die stammen freilich aus dem Ausland. Während sie hier schon als historische Fußnote in die Geschichtsbücher versinkt – in die zu kommen, wie AKK betonte, nie ihr Ansinnen gewesen sei – und dabei noch mächtig an ihrem Destruktionswerk in Marrakesch oder hinter den Kulissen weiterarbeitet –, wird sie im Ausland vergöttert, überhöht und sogar noch schön auf ihre alten Tage.

In Deutschland kann sie sich kaum noch auf die Straße wagen, zumindest zu Hause, in Ostdeutschland nicht, aber in Buenos Aires wird sie spontan auf der Straße von der Menge umjubelt und geht im Blitzlichtgewitter unter. Und die Harvard Universität kündigt in einem martialischen Trailer mit bombastischer Musik und dreieinhalb maßlosen Übertreibungen ihre Rede vor den Absolventen des Jahrgangs 2019 an.

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Die Ironie wird stets gleich mitgeliefert. So erwähnt man im sehenswerten Video den „Charlemagne-Price“, den sie erhalten habe – ein Preis, der den Namen jenes mythischen Kaisers trägt, der das Fränkische Reich auf eine bis dahin unbekannte kulturelle Höhe gehoben und es gegen anrennende Horden – sogenannte Sachsen, aber auch Mauren – verteidigt hatte. Und ihr verlängerter Urlaub in Argentinien war der Fluguntauglichkeit beider von der Bundeswehr unterhaltenen Regierungsflieger zu danken. Aber das ficht die Fama nicht an.

Und so geht es auch Deutschland. Hier unten in Ungarn wird man mit einer unvorstellbaren Deutschlandgläubigkeit konfrontiert. Demnach sind wir Deutschen aus dem Paradies in die (ungarische) Holle gefallene Glückswesen. Die Deutschen sind frei und reich, bei denen klappt alles, das Land lauft wie geschmiert.

Der Vorzeigedeutsche der Saison

So werde ich in die Rolle des Nestbeschmutzers gedrängt, denn bei jedem neuen Gespräch türmt sich gerade ein neues Problem auf, das dem Klischee ganz und gar nicht entsprechen will: die wundersame Autoindustrie ist korrupt und marode, die Deutsche Bahn steht vor dem Kollaps, die deutschen Zuge glänzen durch Verspätung, die Infrastruktur bröckelt, die Breitbandgeschwindigkeit liegt weit hinter der Ungarischen, deutsche U-Boote „sind kaputt“, die Panzer sind nicht einsatzbereit, noch nicht mal die Maschinenpistolen tun, was sie sollen, und eine nennenswerte Armee gibt es nicht.

Viele Städte und Viertel sind als deutsche kaum noch zu erkennen, die Kommunen sind pleite, die Deutsche Bank korrupt und Ramsch, deutsche Vorzeigekonzerne wanken, die Gewaltkriminalität nimmt zu, auf Facharzte muss man manchmal monatelang warten, Altersarmut wird ein gesellschaftliches Problem, die Vermögensschere wachst, auch in deutschen Städten sieht man Bettler und Obdachlose an der Zahl, die Presse ist einseitig … Made in Germany klingt heutzutage oft wie ein Witz.

Aber es hilft nichts. Im Fernsehen werben deutsche Firmen selbstbewusst wie eh und je für „német technológia“, der Vorzeigedeutsche der Saison, Jürgen Klopp, hat in einer Woche Ungarisch gelernt, und wenn ich meine Gesprächspartner diese Woche wieder treffe, dann wird das Loblied auf das starke Deutschland von Neuem ansetzen und ich muss wieder stolz sein, ein Deutscher zu sein.

 

Jorg Seidel, Jahrgang 1965, ist aufgewachsen im Ostteil unseres Landes, Studierender seit eh und je: Philosophie, Literatur, Psychologie, Geschichte und Leben als solches. Neun Jahre verbrachte er in England, zur Zeit Ungarn. Seidel ist freier Autor, Übersetzer und Blogger. Er betreibt die Seite „Seidwalk.“

Dieser Artikel wurde vom Verfasser zur Veröffentlichung auf den Webseiten des Deutsch-Ungarischen Unternehmerclub e.V. genehmigt.

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